Frau Mey hat mir liebenswerterweise auch die Traueransprache zur Verfügung gestellt:
Liebe Familie Wenzel, liebe Familie Gille, liebe Trauergemeinde,
Sie können ihr Gesicht auf Bildern wie diesem hier betrachten, aber es bleiben Bilder. Im Haus erinnert noch so vieles an sie, aber sie selbst fehlt und in Ihren Erinnerungen ist sie noch ganz lebendig, aber es bleiben Erinnerungen an Vergangenes. Antja Wenzel ist tot. Anfang November ist sie gestorben, begleitet und gut betreut hat sie zuletzt den Tod annehmen können. Der Abschied war tröstlich.
Aber Trost ist auch nötig. Denn sie hätte gerne noch gelebt und sie ist zu jung gestorben. Die Trauer um sie ist jetzt groß und mag Ihnen wie ein langer und schwerer Weg vorkommen. Es ist, ihn gemeinsam zu gehen, denn es hilft, das Leben und den Abschied, die Erinnerungen und die Trauer miteinander zu teilen.
Gerade am Anfang dieses Abschiedes kommen Erinnerungen fast wie von selbst auf. Sie trösten, weil wir dadurch einen Menschen gedanklich noch ein wenig mit in unsere Zeit hineinnehmen können. Darum lassen Sie uns an Antja Wenzel erinnern, an die Frau, so wie Sie sie kannten.
1963 ist sie in Göttingen geboren worden und dort als eine von zwei Kindern aufgewachsen. Arbeit, die Firma der Eltern und das Familienleben waren direkt miteinander verbunden und das brachte einen engen Zusammenhalt in der Familie mit sich, samt der Hunde und der Schafe. Hockey hat sie damals gerne gespielt und dann hat sie Optikerin gelernt. Sie hat geheiratet und mit ihrem ersten Ehemann das Sanitätshaus aus dessen Familie geleitet – viele Jahre lang. Wassersport: Segeln und Wasserski waren ihre Hobbies und gereist ist sie auch damals schon gerne. Außerdem hatten sie einen großen Garten, den sie mit Hingabe gepflegt hat.
2000 ging die Ehe auseinander und sie begann sich im EDV-Bereich eine berufliche Selbständigkeit aufzubauen. Ein paar Jahre später haben Sie sich dann über Segelfreunde kennengelernt und eine neue Liebe ist zwischen ihnen entstanden und gewachsen. 2006 ist sie dann hierher nach Bad Vilbel zu Ihnen, Herr Wenzel, gezogen und Sie haben als Patchworkfamilie zusammengelebt – sicher nicht immer einfach für alle Beteiligten. Aber Sie haben es letztlich gut geschafft. Sie haben vor einigen Jahren hier in der Auferstehungskirche geheiratet und sich Ihr gemeinsames Leben aufgebaut. Sie hat weiterhin selbständig im EDV-Bereich gearbeitet und sich hier in Bad Vilbel engagiert, unter anderem im Flüchtlingshilfeverein und in unserem Gospeltrain hat sie ebenfalls seit mehreren Jahren mitgesungen.
Unterbrochen waren die Vilbeler Jahre durch Ihren Aufenthalt in London und auch das war eine gute Zeit. Sie hat die Weltoffenheit Londons ausgekostet, Freundschaften geschlossen, sich kulinarisch durch die Welt gekocht und neues erlebt und mitgebracht. In den letzten Jahren hatten Sie dann auch mehr Zeit für- und miteinander. Sie sind viel gereist und Antja Wenzel hat dabei gerne fotografiert hat. Eine Reise hat sie auch mit dem Camper zusammen mit Ihnen, ihrer Mutter, gemacht und auch das war eine schöne und erfüllte Zeit. Sie haben sie als unternehmungslustig geschildert, weltoffen und immer Menschen zugewandt. Ihre positive und mitreißende Art war hervorstechend und auch ihre uneingeschränkte Hilfsbereitschaft: Freunden, der Familie oder auch den Geflüchteten gegenüber.
So hätte es weitergehen können, so hatten Sie es sich erhofft, dass die Innigkeit, die Sie verbunden hat, noch lange dauern sollte. Im Frühjahr aber kam die Diagnose, dass sie an Krebs erkrankt war. Es folgten +Operationen und Krankenhausaufenthalte, Reha und Behandlungen. Bei all dem war sie selbst immer optimistisch – wie es ihrem Wesen entsprach. Aber ihr Zustand hat sich verschlimmert. Sie wurde schwächer und zuletzt war sie in der Klinik in Gießen, wo sie gut aufgehoben und Sie bei ihr sein konnten. Dort haben Sie den Abschied miteinander gestaltet und sie selbst hat den Tod zuletzt annehmen können. Es war, wie schon gesagt, ein guter Abschied – aber auch viel zu früh.
Was nun bleibt sind viele Erinnerungen und Erlebnisse miteinander: lange zurückliegendes, vielleicht aus ihrer Kindheit und Jugend; aber auch kürzlich erlebtes; Erinnerungen an besondere Ereignisse: Feiern oder Urlaube aber auch viel alltägliches, wie ihre Hilfsbereitschaft, ihr fröhliches Lachen, ihre mitreißende Art – und noch vieles mehr. Solche Erinnerungen beschreiben einen Menschen meist am besten und ihre drücken viel Liebe und Dankbarkeit aus. Das ist ein gutes Resümee über ein Leben.
Es macht den Abschied jetzt aber schwer. Der Theologie Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben: “Je schöner und voller der Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie ein Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“
Ich glaube, das werden Sie können – im Laufe der Trauer – und das kann trösten.

Aber wir schauen heute nicht nur zurück, sondern auch nach vorne und bei diesem Blick in die Zukunft, beschäftigt uns die Frage, was nun ist – für Antja Wenzel. Sie müssen sie gehen lassen und darum brauchen wir den Trost und Halt, dass sie begleitet und behütet wird, jetzt nicht mehr von uns, sondern von Gott. Das drückt der Vers aus Psalm 91 aus, den Sie für ihre Beerdigung ausgewählt haben: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten Tag und Nacht, wohin du auch gehst.“
Es tut es gut zu hoffen, wohin Antja Wenzel gehen wird – jetzt, wo ihre Wege auf Erden beendet sind. Durch ihren Tod trennen sich unsere Wege und so ist der Tod für uns wie eine Schranke über einem bis dahin gemeinsamen Weg. Wir müssen daran stehen bleiben, aber bei Gott geht dieser Weg weiter. Da wird die Schranke überwunden und Antja Wenzel geht ihren Weg weiter, mit Gott – vielleicht begleitet durch Engel, wie der Vers es hier ausdrückt.
Wie das sein oder aussehen mag, wissen wir nicht, weil es die Grenze unseres Verstandes sprengt. Engel ist eines unserer Bilder dafür und es drückt unseren Glauben aus, dass Gottes Liebe und Kraft stärker sind als der Tod. Wir glauben, dass Gott, der Schöpfer, Leben auch nach unserem Tod erneut erschaffen kann. Jesus Christus war der erste, den Gott auferweckt hat. Das feiern wir an Ostern und damit hat Gott dem Tod die letzte Macht genommen. Das Leben wird siegen. Das ist unser Glaube. Und er gibt dem Gefühl recht, dass ein geliebter Mensch nicht einfach nur „nicht mehr da ist“. Antja Wenzel ist nicht mehr hier bei uns, sondern bei Gott, begleitet von Engeln in ein neues und gutes Leben. Das ist, mit anderen Worten, unsere christliche
Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben und damit geben wir Antja Wenzel traurig, aber auch getrost in Gottes Hand zurück.
Amen
Pfarrerin Ulrike Mey, 19. November 2020
